Banalität des Bösen

Stoikeras Böse ist immer nur extrem, aber niemals radikal“. Diese Feststellung traf Hannah Arendt bei ihrem Besuch des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. Adolf Eichmann, der Organisator des Holocausts, entsprach äußerlich nicht dem Bild des bösen Nazis, der blonden Bestie. Eichmann war ein Jedermann, er tat seine Pflicht, er funktionierte auf seinem Posten. Die großen Zusammenhänge interessierten ihn nicht. Eichmann war laut Hannah Arendt kein Judenhasser. Ihm genügte es, wenn er „seine Arbeit pflichtgemäß erledigte“. Heute würde man sagen, er habe seinen Job  getan. Bei seiner Verteidigungsrede im Jerusalemer Prozess hat sich Eichmann sogar auf die Ethik von Immanuel Kant berufen. In der ethischen Zielsetzung verstand er den Philosophen aber nicht – das von Kant häufig strapazierte Wort „Pflicht“ übertönte alles andere. In seiner begrenzten Welt hat Eichmann die ihm von den NS-Ideologen aufgetragene Pflicht erfüllt. Die Verbrennungsöfen von Auschwitz waren Teil eines Systems, das die Funktionäre nicht zu hinterfragen bereit waren. Die technische Ebene genügte. Diskussionswürdig war die „Verbrennungkapazität“. Fragen nach der generellen Moralität des NS-Regimes wurden nicht gestellt.

Mikropsychia

Heute existiert zwar ein Rechtsstaat, aber die „kleine Seele“, die von Aristoteles beschriebene Mikropsychia ist weiterhin bestimmend für das politische Handeln. Demokratie schützt nicht vor Torheit. Sie mildert aber die Folgen, indem sie die Torheiten unterschiedlicher Strömungen im Parlament ausgleicht. Als Stoiker kann man in der Demokratie Tugenden erhoffen, aber nicht erwarten.

Stoikeren Blick auf das Ganze zu richten überfordert den Einzelnen, den Spezialisten, den Techniker, den Bürokraten. Die Ergebnisse der Mikropsychia sind alltäglich wahrnehmbar. In einer angesehenen, durchaus kritischen und von einer Elite der Bevölkerung gelesenen Computerzeitschrift findet sich folgender Satz: „Und man muss das ja nicht immer auf den Menschen werfen“. Mit „das“ sind Bomben gemeint, im Artikel als „Wirkmittel“ verbrämt. Dabei werden im Artikel ganz bewusst auch moralische Fragen angeschnitten, freilich im Sinne von Joseph-Ignace Guillotin, dem Erfinder des Fallbeils und Fritz Haber, der das Giftgas für den Ersten Weltkrieg  verfügbar machte. Beide verstanden sich selbst als Moralisten. Ihr Ziel war es, das Töten angenehmer gestalten. Fritz Haber wollte außerdem den Krieg durch einen schnellen Sieg Deutschlands verkürzen.

Stoisches Vokabular

stoiker-interessant ist die Verwendung des stoischen Vokabulars in besagtem Artikel. Der Herr des Todesknopfes wird zum gefühlvollen „Sensorbediener“ stilisiert. Der Autor kreist um „Reisegeschwindigkeit“, „effektive Klimaanlagen“ und „Prüfschleifen“. Nicht die Rede ist von den „Weichzielen“ der Drohnen, von den Menschen, deren Körper in Stücke gerissen werden sollen. Nach dem Lesen des Artikels ist klar, dass der Sensorbediener der Drohne ein gefühlvoller Familienvater sein kann. Grundsätzliche Fragen werden ausgeklammert. In der öffentlichen Debatte ist darüber nichts zu hören, nicht einmal im Sinne des stoischen Kaisers Marc Aurel: „Hoffe nicht auf Platons Idealstaat, sondern gib dich zufrieden, wenn es ein ganz klein wenig vorangeht, und ziele auf diesen Ausgang, wie gering er auch ist.“

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