Neue deutsche Kolonialkriege

In einem Radio – Interview von 2010 sprach der damalige Bundespräsident Horst Köhler eine unangenehme Wahrheit aus. Er stelle fest, dass…

“…insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall, auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen, negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen.” (Horst Köhler im Deutschlandradio)

Deutsche Schutztruppen in Afrika

Die Empörung über Köhlers Interview hat sich im Jahre 2014 in Luft aufgelöst. Es ist gesellschaftlicher Konsens, dass der Reichtum Deutschlands auch in Afrika verteidigt wird. Deutschland wird sich nach grob 100-jähriger militärischer Abstinenz in Afrika wieder “mit Schutztruppen engagieren”. Die alte Ideologie aus den Zeiten des Kaiserreichs ist wieder aktuell: Deutschland schafft Ordnung in der Welt.

130 Jahre Kongokonferenz

Wie einst auf der Kongokonferenz von 1884 dürfen die Politiker und Generäle der europäischen Großmächte wieder ihre Einflussgebiete abgrenzen. Die Sektsteuer, 1902 unter Kaiser Wilhelm II. eingeführt, um den deutschen Flottenbau zu finanzieren, hat damit auch wieder ihre ursprüngliche Berechtigung. Nur das Kriegsgerät hat sich gewandelt, vom Kanonenboot zur Drohne.

Auf Reichtum verzichten

Eine Alternative zu den aktuellen Plünderungsplänen ist es, auf Reichtum in Europa zu verzichten. Aus stoischer Perspektive ist Reichtum weder gut noch schlecht. Es schadet nicht, reich zu sein. Aber es ist verwerflich, aus Gier nach der Anhäufung von Reichtümern andere Menschen zu töten.

8 commentaires sur “Neue deutsche Kolonialkriege

  1. Ich möchte mich diesem sehr umfassenden Thema von 2 Seiten nähern, und hoffe, dass in der Diskussion vielleicht auch weitere Aspekte hinzukommen.

    Zunächst fällt mir aus stoischer Sicht Epiktet ein, der deutlich unterschied was in unserer Macht steht und was nicht. Nach seiner Meinung stehen die meisten Dinge nicht in unserer Macht. Einzig unsere Einstellung (Urteil, Meinung) steht in unserer Macht. Vereinfacht würde ich sagen, dass unsere inneren Angelegenheiten unsere Sache sind, die äußeren sind es nicht. Wenn ich das jetzt von meiner Person auf unseren Staat ausdehne. So ist in der Verantwortung unseres Staates, dass im inneren Ordnung herrscht. Viele Dinge die außerhalb passieren, können wir nicht ändern. Und sollten es auch nicht. Die katastrophalen Zustände in Afrika müssen durch die Verantwortlichen vor Ort geklärt werden nicht durch uns (z.B. Bundeswehr). Verzichten wir damit auf Reichtum? Materiell vielleicht. Aber was könnte noch die Konsequenz eines Eingreifens in den nicht in unserer Macht stehenden Teiles der Welt bedeuten?

    Hier möchte ich meinen 2. Aspekt mit einbringen. Er ist von der stoischen Schule zumindest regional sehr weit weg. Ich möchte mich hier auf Sun Tsi beziehen, der ca. 500 v.u.Z. ein sehr tiefgründiges Buch über Kriegskunst geschrieben hat. Dieses ist aber nicht wie viele meinen könnten militaristisch. Im Gegenteil. Seine Kernaussage ist, dass Krieg möglichst vermieden werden muss, weil er den Staat und das Volk ruiniert. Ich glaube da gibt es genügend Beispiele in der Geschichte, die dieser Argumentation folgen. Er geht noch weiter in dem er insbesondere lange militärische Auseinandersetzungen als besonders kritisch und gefährlich einstuft. Ich glaube dass auch und bin der Meinung, dass man eine solche vor allem nicht unter der Fahne der humanitären Hilfe oder Verteidigung unserer Interessen stellen sollte. Denn das erreicht man eben damit nicht.

    • In Deutschland ist nicht Sun Tsi, sondern Clausewitz angesagt. Krieg soll geführt, und nicht vermieden werden. Bundespräsident Gauck wird für das gefeiert, wofür Bundepräsident Köhler zurückgetreten ist: Es geht um Krieg für unseren Reichtum.
      Was bleibt einem da als Stoiker übrig, als das Ganze mit Schulterzucken über sich ergehen zu lassen? Die Kriegspolitiker wurden vom Volke gewählt, und wenn Deutschland neue Kriege führen will, dann ist es eben so. Ein anderes Volk kann man sich nicht aussuchen, und “den beseren Menschen” gibt es nicht.

  2. Alles hat seine Zeit. Im Augenblick ist wahrscheinlich wirklich eher das Säbelrasseln aktuell. Sun Tsi kennt heute kaum einer. Und wenn so Viele behaupten, dass wir nicht nur am Hindukusch sondern vielleicht auch bald in Afrika unsere Heimat verteidigen müssen, dann werden auch Viele daran glauben. Doch die Mehrheit hat (kennt) selten die Wahrheit.

    Ich frage mich, wem nützen solche Konflikte?
    1.Den Kriegspolitikern? Das kann ich mir nicht vorstellen. Denn die Stimmung würde schnell umschlagen, wenn so ein Scharmützel aus dem Ufer gerät. Sogar in den USA ist die Unterstützung für die Auslandseinsätze stark zurückgegangen.
    2.Den Wählern, die die Kriegspolitiker gewählt haben? Das glaube ich noch weniger. Denn bisher hat die Bevölkerung an langen Kriegen immer die meiste Last getragen.

    Moment, habe ich da was übersehen? Politiker sind die gewählten Vertreter des Volkes und sowohl Volk als auch Politiker würden meiner Meinung nach nicht gut bei wegkommen. Profitiert da vielleicht doch jemand? Und wenn ja welche Stellung und Rolle hätte der (diese Gruppe) in unserem politischem System?

    • Sicher ist, dass die Kriege nicht aus humanitären Gründen geführt werden. Denn dann müsste die Bundeswehr ja in Saudi-Arabien einmarschieren, wo noch Steinigungen verhängt werden.
      Welchen Nutzen hat das Entsenden deutscher Soldaten außer der Plünderung von Rohstoffen? Gerne würde man auch von einem Rohstoffhandel sprechen, aber ein fairer Handel sieht anders aus, als er jetzt zwischen Europa und Afrika existiert. Wenn man sich das Auftreten der Europäer in Afrika ansieht, in der ganzen Zeitspanne seit der “Entdeckung”, dann schämt man sich. Wir sind dort die Terroristen.

  3. Wenn Sie sagen “Wir sind dort die Terroristen”, dann wären wahrscheinlich auch Sie und ich eingeschlossen. Damit kann ich mich nicht so richtig anfreunden. Ist denn wirklich genau bekannt wo das Problem sitzt? Mit “die da oben” ist das zu ungenau. Wenn wir was tun wollen, müssen wir wissen wo und bei wem wir ansetzen. Seneca sagt hierzu: “Hat man nämlich den Weg einmal verfehlt, kann man sich sogar vom Ziel entfernen, und zwar um so weiter, je hastiger man sich ihm nähern will.” Erst wenn wir das Problem genau kennen haben wir überhaupt die Chance etwas zu verändern. Das ist keine Garantie, dass man das schafft – es ist eine Chance. Ich finde Sie ist es wert. Wenn Sie die Rohstoffe in Afrika ansprechen vermute ich, kennen Sie auch die Wege, die die Rohstoffe dann aus Afrika nehmen und wie sie im Rest der Welt verteilt werden.
    Sollten wir wirklich nichts bewegen können, dann können wir immer noch schulterzuckend stoisch reagieren. Im Augenblick glaube ich noch an die erste Variante.

    • Zwar sind wir selbst keine Terroristen. Ich persönlich war auch noch nie in Afrika. Aber es ist aber offensichtlich, dass die internationalen Handelsstrukturen ungerecht sind. Eine Lösung habe ich auch nicht parat.
      Der bisherige Umgang war falsch. Afrika wurde von den westlichen Staaten geplündert, im kalten Krieg von West und Ost als Ersatzkriegsschauplatz missbraucht. Und jetzt greift man wieder auf die Kolonialpolitik von Kaiser Wilhelm zurück. Dazu ein Lied:

      Bibel und Flinte

      Was treiben wir Deutschen in Afrika?
      Hört, hört!
      Die Sklaverei wird von uns allda zerstört.
      Und wenn so ein Kaffer von uns nichts will,
      Den machen wir flugs auf ewig still.
      Piff paff, piff paff, hurra!
      O glückliches Afrika!

      Wir pred’gen den Heiden das Christentum.
      Wie brav!
      Und wer’s nicht will glauben, den bringen wir um.
      Piff paff!

      O selig die “Wilden”, die also man lehrt
      Die “Christliche Liebe” mit Feuer und Schwert.
      Piff paff, piff paff, hurra!
      O glückliches Afrika!

      Wir haben gar “schneidige Missionar'”,
      Juchhei!
      Den Branntwein, den Krupp und das Mausergewehr
      Die drei.
      So tragen “Kultur” wir nach Afrika.
      Geladen! Gebt Feuer! Halleluja!
      Piff paff, piff paff, hurra!
      O glückliches Afrika!

      (Melodie: “Es klappert die Mühle am rauschen Bach”, Verfasser unbekannt, Demokratisches Liederbuch, Stuttgart 1898.)

  4. Als ehmaliger Bundeswehrsoldat und Teilnehmer an Auslandseinsätzen kann ich dem was hir geschrieben wurde nur Teilweise zustimmen. Fakt ist die vorgeschobene Behauptung, dass die Einsätze überwiegend humanitären Zielen dienen ist nur zu hälfte richtig. Denn wenn wir in allumfassender Klarheit das Wesen der Humanität zweifelsfrei bestimmen könnten, käme es nie zu irgendwlchen militärischen Auseinandersetzungen. Und selbst wenn wir deutschen als einzige in der Lage währen dies zu bestimmen müsste man, wie bereits festgestellt wurde, noch in ganz anderen Ländern interfinieren. Richtig ist auch, dass Staaten hauptsächlich Interessen haben und diese auch vornehmlich wirtschaftlicher Natur sind. Die andere Hälfte der Wahrheit ist, dass durch das eingreifen der Bundeswehr beispielweise im Kosovo ein größerer Völkermord, zwar nicht von vorne rein unterbunden aber zumindest gestoppt werden konnte. Über den erfolg und die Gräben die das zwischen diesen Völkern aufgerissen hat möchte ich hier nicht streiten.

    Ich kann nur eins Feststellen und zwar das im Krieg sich der Mensch von einer Seite zeigt, die an perversität, zügelosigkeit und grausamkeiten in der Natur dieser Welt ihres gleichen sucht. Wenn man solchen Dingen begegnet glaubt man nicht, dass das gleiche Wesen auch zu solch schönen Dingen wie der Philosophie in der Lage ist. Und doch liegt in dieser Erkenntnis eine gewisse Befriedigung denn schon Diogenis von Synope soll auf die Frage geantwortet haben was die Philosophie nütze:,,Wenn nichts anderes so doch dies, gegen alle Schicksalsschläge gewapnet zu sein”

  5. Wenn ich in die schrecklichen Bilder von Sarajevo denke, dann muss ich dem Posting zustimmen. Damals hatte die internationale Gemeinschaft Schutzzonen eingerichtet, in denen die Bewohner wie die Hasen abgeknallt wurden. Die Holländer haben mit den Serben Fußball gespielt, während das Gemetzel in der Stadt weiterging. Ich erinnere mich sehr gut an die Nachrichten. Man konnte live verfolgen, wie Verzweifelte an den Balkonen eines Hochhauses herunterkletterten, weil einige Etagen tiefer eine Granate eingeschlagen hatte. Mit naivem Pazifismus kam man hier nicht weiter.
    Ein Teil des Völkermords in Bosnien-Herzegowina und Kosovo wurde militärisch beendet.
    Nun hat aber dieser Tabubruch in der deutschen Außenpolitik eine Weg geebnet. Der Militäreinsatz soll nun Normalität sein, und das auch zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen der Industrienationen in Afrika. Das finde ich unerträglich!

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