Kant und die Obdachlosen

Der liberale österreichische „Standard“ beklagt in markigen Worten den Zustand eines Hauses östlich von Kaliningrad, wo der Philosoph Immanuel Kant einige Jahre gelebt hatte: „Es hausen jetzt Obdachlose – wo einst der Mensch Kant wohnte.“ Die Obdachlosen werden als störende Elemente im Andenken an den großen Humanisten deklariert. Der Artikel endet mit einem flammenden Appell an die Sekundärtugenden von Pünktlichkeit und Fleiß: Die träge russische Bürokratie müsse in Gang kommen. Die Tatenlosigkeit sei nicht länger hinzunehmen. Weg mit den Obdachlosen – her mit den Touristen.

Kants Philosophie

Kants philosophisches Markenzeichen ist der „Kategorische Imperativ“:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Ob der nüchtern denkende Kant es gut geheißen hätte, Obdachlose im Winter aus einem leer stehenden Gebäude zu vertreiben, um für ihn einen Personenkult zu entfachen?

Die Stoiker und die Heldenverehrung

Gegen jeden Personenkult spricht sich der Stoiker Marc Aurel aus: „Hippokrates hat viele Krankheiten geheilt, dann ist er selbst an einer Krankheit gestorben. Die Chaldäer weissagten vielen den Tod, dann hat sie selber das Geschick ereilt. Alexander, Pompejus, Cäsar – nachdem sie so manche Stadt von Grund aus zerstört und in der Schlacht soviele Tausende ums Leben gebracht, schieden selbst aus dem Leben. Heraklit, der über den Weltbrand philosophiert, starb an der Wassersucht, den Demokrit brachte das Ungeziefer um, den Sokrates ein Ungeziefer anderer Art.“ (Quelle: Selbstbetrachtungen). Stoizismus und Heldengedenken schließen sich aus.

Kant-Haus umwidmen

Die Bürger von Athen hatten einst den Philosophen Diogenes, der in einem Fass lebte, in ihrer Stadt geduldet. Man sollte deshalb das Kant-Haus als Gedenkstätte für Diogenes umwidmen. Damit wären die Obdachlosen amtlich vor der Räumung geschützt – als würdige Nachfolger des Philosophen der Bedürfnislosigkeit.

3 commentaires sur “Kant und die Obdachlosen

  1. Das Bürgertum, verunsichert über den eigenen Status, macht gegen die Schwächeren der Gesellschaft mobil. Das Phänomen ist nicht nur in Österreich oder Kaliningrad zu beobachten, sondern ganz stark in Deutschland. Einfach mal die Medien kritisch lesen. Es wird alles mögliche Diagnostiziert, um diese Gruppe von den Fleischtöpfen fernzuhalten. Ja natürlich brauchen viele Hilfe, aber was diese MENSCHEN am wenigsten brauchen ist Entwürdigung durch Amtspersonen, Medien und dann das gemeine Volk. Der Springerpresse hat man damals auf die Finger geklopft, der liberalen Presse lässt man alles durchgehen. Das schreit nach veränderung, aber es interessiert niemanden….

  2. Hallo Zenon, gibt es Sie noch?

    „Man sollte deshalb das Kant-Haus als Gedenkstätte für Diogenes umwidmen. Damit wären die Obdachlosen amtlich vor der Räumung geschützt – als würdige Nachfolger des Philosophen der Bedürfnislosigkeit.“
    Woran messen Sie als Stoiker, ob jemand „würdiger Nachfolger des Philosophen der Bedürfnislosigkeit“ ist? Kennen Sie denn die betreffenden Personen in Königsberg (pardon: Kaliningrad)? Offenbar!

    Zu Kant fällt mir ein, dass e r sich jedenfalls nicht als Stoiker sah.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.