Wachstum über alles

Der Kapitalismus hat der Mehrzahl der Menschen in Europa, Nordamerika und Australien einen nie dagewesenen Wohlstand, Freiheit und innenpolitischen Frieden beschert, den Menschen in den anderen Kontinenten aber viel Leid. In Afrika, Asien und Lateinamerika profitiert nur die von uns gefütterte Elite. Die Masse der brasilianischen Bevölkerung kann sich den Eintritt zur Fußball-WM nicht leisten. Dort setzen Polizei und Militär die Ansprüche der Vermögenden durch. Und diejenigen, die sich alles leisten können, haben für die Armen Hohn und Spott übrig: “Ihr hattet die selben Chancen wie wir. Ihr seid nur zu faul”.
So denken wir in Deutschland auch über die somalischen Piraten. Sie sind zu faul zum Fischen. Dabei haben wir ihnen die Beute dank unser technischen Überlegenheit weggefangen. In den ölreichen Südsudan schicken wir die Bundeswehr – weil es billiger und unkomplizierter ist, als über eine faire Vertragsgestaltung mit der dort lebenden Bevölkerung auch nur nachzudenken.

Wachstum der Unterschicht

Auch wenn es die Linken anders behauptet. In Deutschland lebt die Mehrheit noch in Wohlstand. Sie empört sich über Banalitäten wie Schlaglöcher. Doch von der wachsenden Unterschicht grenzt sich die Mittelschicht ab. Man behauptet, die Armen seien vom Sozialsystem so verwöhnt, dass sie keine Lust zur Arbeit hätten. Weil den Armen in Deutschland eine politische Partei fehlt, die ihre Interessen vertritt, boomen die Verschwörungstheorien. Die Medien gießen durch ihre märchenhafte Berichterstattung Öl ins Feuer. Sie fantasieren von sinkenden Preisen, Vollbeschäftigung und Fachkräftemangel, während sich die Anzahl von Suppenküchen und Kleiderkammern erhöht. Nach dem Krieg durften die Suppenküchen so heißen, weil alle hingehen. Sie diskriminierten die Hilfebedürftigen nicht. Der Gang zur Tafel eine soziale Hinrichtung. Die unteren 20 Prozent der Bevölkerung sind nicht mehr Teil der öffentlichen Debatte. Als Folge wenden sich die Ausgestoßenen den Verschwörungstheoretikern zu. Die Radikalen und Verrückten werden in Deutschland populär wie Islamisten in Ländern mit Armut und Hunger. Antisemitismus, Esoterik, die Erschaffung des Neuen Menschen? Alles geht. An irgendwas klammern sich die Verzweifelten eben.
Wie ist diese politisch ungesunde Entwicklung zu stoppen? Es ist ganz einfach. Wir brauchen in Deutschland weniger Wachstum. Ein guter Schritt wäre der freiwillige Verzicht der Reichen auf ihren Vermögenszuwachs. Sie könnten ihre Zinsgewinne denen abgeben, die gar nichts haben. Das ist natürlich völlig utopisch. Aber stoisch.

Ein Kommentar zu “Wachstum über alles

  1. Guten Tag,

    Auch ich beobachte mit Schrecken, wie sich weite Teile der Bevölkerung, gleich welcher Schichtzugehörigkeit, gegenseitig aufbringen lassen, wie einfach auch heute noch, allem Behandeln der Ursachen des Holocausts und der Massenverblendung in der Schule zum Trotz, das Sündenbock-Prinzip funktioniert. Es muss auch funktionieren, weil ansonsten in absehbarer Zeit etwas losbrechen könnte, das in seiner Intensität der französischen oder russischen Revolution gleicht. Deren Konsequenzen sind ebenso zu fürchten.

    Eine Abkehr von dem Mantra des ewigen Wachstums wäre dringend notwendig, ebenso eine Abkehr von der Sparpolitik, zumindest in einigen Ländern und in aktuell dringenden Bereichen wie etwa im Bildungs- und sozialen Sektor.

    Auch die Kolonialherrenmentalität, die noch immer viele Deutsche bzw. Westeuropäer an den Tag legen, wenn es beispielsweise um Südländer, Arbeitslose, Asylbewerber, Afrikaner, etc. geht, geht mir gewaltig gegen den Strich. Als wären unsere Lebensweise und Mentalität die einzig richtigen. Es gibt nicht nur einen richtigen Weg, es gibt nur verschiedene Wege. Leider ist es nur schwer, dieses Denken aus den Köpfen wieder rauszukriegen.
    Die traditionelle Rollenverteilung ist ja auch noch in vielen Köpfen drin – da schließe ich Frauen nicht aus – sonst bräuchte es keine Frauenquote für Führungspositionen.
    Da müssen noch viele Generationen ins Land gehen.
    Andererseits basiert ein Teil der von Ihnen beschriebenen Einstellung, dass die, die nicht zu Reichtum gelangt sind, einfach nur zu faul seien, sicherlich noch auf der puritanischen Leistungsethik, die ja nicht zuletzt in Amerika ihr größtes “Absatzgebiet” fand. Im Einzelfall mag dies ja auch zutreffen, doch gibt es auch genügend Zeitgenossen, die ohne wesentliche Anstrengung zu Wohlstand oder in gute Positionen kommen, was belegt, dass einem alle Anstrengung und gute Leistung nichts hilft, wenn die übrigen Umstände nicht stimmen.

    Ihr Blog gefällt mir sehr gut und ich werde ihn auf jeden Fall weiter verfolgen, so oft ich die Zeit finde.

    Beste Grüße.

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